Echte Tiroler Mundart

Echte Tiroler Mundart

Im Tannheimer Tal gibt es verschiedene Dialekte. Woher sie kommen und wie sie klingen erzählen drei MitarbeiterInnen des Tourismusverbandes Tannheimer Tal.

Daniela Haller ist Mitarbeiterin im Tourismusbüro Tannheim. Ihre Mundart ist in der Mitte des Tals angesiedelt.

Madlen Weirather ist in Nesselwängle zuhause. Dort betreut sie die Gäste im Tourismusbüro.

Benjamin Rief kommt aus Schattwald, wo er im Tourismusbüro arbeitet. Seine Mundart ist, wie sein Heimatort, am nähesten am Allgäu.

Griaß di! - Daniela

Griaß uib! - Madlen

Griaß ana! - Benjamin

Es ist nicht irgendeine Sprache, die man im Tannheimer Tal spricht. Es ist „iser Sproch“ (Benjamin). Wie bitte? „Ja, isr Sproch halt“ (Daniela). Ach so, ein eigener Dialekt. „Na – es isch a Sproch!“ (Madlen).

Es ist erstaunlich, was Sprache alles kann. Sie verbindet und trennt. Sie schafft Klarheit und Zweifel. Sie erreicht das Hirn und das Herz. Am wichtigsten aber: Sie gibt den Menschen Heimat. Wie in der DNA kann man Herkunft und Wurzeln erkennen. Wie in der Musik oder in der Malerei verleiht sie der Identität Ausdruck. Und hört dann ein Einheimischer einen anderen sprechen, weiß er genau: Der kommt auch aus dem Tannheimer Tal.

Dass die Mundart (das ist das richtige Wort: Kunst, die über die Lippen kommt!) des Tannheimer Tals sich so deutlich von anderen unterscheidet, hat mit dem Leben in den Bergen und der Aufbruchsbereitschaft der Menschen zu tun. Überwiegend vom Allgäu (Madlen) her wurde einst das Hochtal besiedelt. Trotz seiner kargen Höhenlage bot es manchem die Chance, eine eigene Existenz aufzubauen. Nesselwängle dagegen wurde vom Tiefjoch im Osten her besiedelt, daher unterscheiden sich die Dialekte auch innerhalb des Tals teilweise stark.

Aus dem Tiefland brachten die Menschen ihre Sprache mit, einen von unzähligen alemannischen Dialekten, wie sie bis heute das Sprachbild im Allgäu, in Vorarlberg und in der Nordschweiz prägen. Zu einer Zeit, als man noch kein „Deutschland“ (Benjamin) und kein „Österreich“ (Madlen) kannte, schufen sie also eine Sprachinsel, wo sonst das vom Bayrischen inspirierte „Tirolerisch“ (Benjamin) gesprochen wird. So viel Freiheit kann eine Mundart in ihrer Entwicklung also haben. Und so kann man heute staunend zuhören, wie das Tannheimer Tal seine Stimme erhebt.

Beispiele gefällig?

- Was im Außerfern gelegentlich, im Rest Tirols als „Kasspatz’n“ bezeichnet wird, das heißt hier „Kässpatze“ (Daniela). 

- Die Insekten, die man im Sommer vom Almdudler-Glas verscheucht – sie hören im Tannheimer Tal nicht auf „Wesp’n“ sondern auf „Wefzge“. (Daniela)

- Bei manchen Begriffen bedarf es schon des genauen Hinhörens, um die Feinheiten zu erkennen - ganz zu schweigen, dass ohne Orts-Wort-Kenntnis kein Durchkommen ist. Wer würde auch hinter dem Satz „Mit d´r Seages mäh´ i d´Schmelche um." (Benjamin) vermuten, dass es sich um eine Arbeit im Bergbauern-Alltag handelt: "Mit der Sense mähe ich den Grashalm um". Da fällt vermutlich das Nachahmen der Tätigkeit leichter als das Nachsprechen. „Wie wär's?“ (Daniela)

- Die ultimative Herausforderung für Ungeübte oder Mundart-Fremde sind die Mahlzeiten. Das falsche Wort verwendet – und schon bleibt man hungrig. Die „Marend“ (Madlen) zum Beispiel ist eine „Brotzeit“ (Benjamin). Aber die erstgenannte kommt üblicherweise auf dem Brettl serviert, die andere kann man sich auch in den Rucksack packen. „‘s Mittage“ (Madlen) wiederum kommt als Mittagessen auf den Tisch.

Wo die alemannischen Wurzeln besonders deutlich zutage treten, ist die Zählweise. Das „1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10“ (Benjamin - Daniela - Madlen) im Tannheimer Tal hat seinen eigenen Rhythmus, seine unverkennbare Melodie. Weshalb das Wort für den Talfeiertag, der am 17. September ausschließlich hier begangen wird, so einzigartig ist wie der Anlass: „Mir feire jeds Johr de Siebezehnte“ (Daniela - Madlen - Benjamin) – das kann man nicht schreiben. Das braucht die Sprache, um seine ganze Wirkung zu entfalten.

Sollten Sie jetzt gerade kleine Unterschiede in der Aussprache bemerkt haben: Ja, es stimmt. Drei Stimmen aus dem Tal – aber aus drei verschiedenen Orten. Auch das gibt’s. Darum kümmern wir uns dann beim nächsten Mal. Bis dahin: „Pfiad‘ uib“ (Madlen), „pfiat di“! (Daniela) , „pfiat di“! (Benjamin)