Vilsalpsee - Teil 2

Frühlingserwachen am Vilsalpsee

Im Naturschutzgebiet Vilsalpsee ist im Frühling ganz schön was los. Während Enten sich noch auf dem teils gefrorenen See tummeln, erwachen nach und nach die Wasserfledermäuse und gehen auf Beutezug. Schutzgebietsbetreuerin Caroline Winklmair gibt einen Überblick.

Das Tannheimer Tal hat nicht nur eine tolle Bergwelt vorzuweisen. In ihm befindet sich auch das Naturschutzgebiet Vilsalpsee, in dem es viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten zu bestaunen gibt. Und natürlich ist da der Vilsalpsee selbst, über den es einiges zu erfahren gibt. Caroline Winklmair ist Schutzgebietsbetreuerin und kümmert sich um das Gebiet rund um den See. Sie erzählt: „Der Vilsalpsee ist ein Stillgewässer. Durch seine hinreichend große Tiefe kann sich eine Temperaturschichtung des Wassers ausbilden. Diese Schichtung wird zweimal im Jahr durch eine Wasserzirkulation unterbrochen, weshalb der Vilsalpsee zu den ‚dimiktischen‘ Seen gehört. Der Fachbegriff leitet sich ab vom griechischen ‚di‘ für ‚zwei‘ und ‚miktos‘ für ‚gemischt‘.“

Im Winter herrscht die sogenannte Stagnation, also eine stabile Schichtung – oben die kälteste, unten mit etwa 4 °C die wärmste Wasserschicht. Im Frühling kommt es zur Zirkulation, bei welcher der See vollständig durchmischt wird. Denn das Wasser, das von der Sonne erwärmt wird, ändert seine Dichte. „Wasser hat bei etwa 4 °C die höchste Dichte. Alles, was wärmer oder kälter ist, hat eine geringere Dichte“, erklärt Carolin Winklmair. „Diese Dichteanomalie des Wassers spielt die Hauptrolle bei der Durchmischung der Schichten.“ Im Sommer tritt dann wieder die Stagnation ein. Dieses Mal allerdings umgekehrt: Nun ist die wärmste Schicht oben, die kälteste unten. „Jeder der schon mal in einem See schwimmen war, kennt das: Streckt man die Beine zu sehr, wird es an den Füßen plötzlich kalt.“

Naturschutzgebiet Vilsalpsee - (c) Günther Eiden

Von Enten, die nicht festfrieren …

Eine Frage, die sich mit Sicherheit schon der ein oder andere gestellt hat: Warum frieren Enten, die auf einem gefrorenen See laufen oder sitzen, nicht einfach fest? Oder warum schmilzt das Eis nicht unter ihren Füßen? Caroline Winklmair kennt die Antwort: „Die Erklärung liegt in der speziellen Anordnung der Blutgefäße in ihren Beinen. Die Gefäße, die warmes Blut aus dem Körperkern in die Beine zuführen, liegen eng an jenen Gefäßen, die kaltes Blut aus den Beinen zum Herzen zurückführen. Dadurch kann die Wärme des zugeführten Blutes an das zurückfließende Blut abgegeben werden. Dieses sogenannte Gegenstromprinzip ist eine sehr kluge Erfindung der Natur. Denn somit kühlt der Körperkern nicht zu sehr ab und die Füße werden nicht zu warm, um das Eis zu schmelzen.“ Das gilt übrigens für alle Wasservögel am Vilsalpsee: egal ob Stockente, Blässhuhn, Haubentaucher, Reiherente oder Zwergtaucher.

Dass dieser Trick beim Menschen leider nicht funktioniert, merkt man spätestens, wenn man einmal barfuß durch den Schnee oder übers Eis gelaufen ist. „Im Gegensatz zu anderen Säugetieren und Vögeln wird beim Menschen bei Kälte die Blutzirkulation in den Extremitäten wie Armen und Beinen reduziert. Dadurch wird die überlebenswichtige Wärme in der Körpermitte gehalten. Der Nachteil: Das kann irgendwann zu Erfrierungen führen. Dieser Gefahr ist eine Ente nicht ausgesetzt“, sagt Winklmair.

… Wasserfledermäusen am Vilsalpsee …

Neben Wasservögeln gibt es noch andere Tiere, die den Vilsalpsee und dessen nahe Umgebung ihre Heimat nennen. Wasserfledermäuse zum Beispiel. Sie halten im Winter Winterschlaf und werden mit den steigenden Temperaturen im Frühjahr wieder fit. Dafür ziehen sie sich in Schlupflöcher wie Höhlen zurück. „Winterschlaf ist ein physiologischer Zustand, er dient der Anpassung an Kälte und der damit verbundenen Nahrungsknappheit“, erklärt Caroline Winklmair. „Dafür fällt bei der Wasserfledermaus die Körpertemperatur auf nahe 0 °C ab, bei manch anderen Fledermausarten sogar auf bis zu -4 °C. Auch werden Herzschlag- und Atemfrequenz stark reduziert und damit der Energieverbrauch gesenkt. Dieser Zustand wird manchmal 'kleiner Tod' genannt.“

Steigen die Temperaturen wieder an, wachen auch die Wasserfledermäuse auf. Dann begeben sie sich in großen Gruppen in der Dämmerung nach draußen und fliegen in Richtung Vilsalpsee. Denn besonders wichtig ist nun vor allem eines: Nahrungsaufnahme. Und die finden sie am Wasser. Mittels Echoortung machen sie ihre Beute aus. Die Schallwellen verraten ihnen die Größe, Schnelligkeit und wo sie sich befindet. Bis zu 160 Rufe pro Sekunde stößt eine Fledermaus dafür aus, indem sie ihre Muskeln an- und wieder entspannt. Für uns Menschen unvorstellbar – und unhörbar.

Pro Nacht frisst eine Wasserfledermaus ungefähr vier Gramm Beute – das klingt wenig, entspricht aber etwa einem Drittel ihres Körpergewichts. Auf dem Speiseplan stehen wassergebundene Fluginsekten wie beispielsweise Eintags- oder Steinfliegen. Die schnappt sich die Fledermaus direkt mit dem Maul. Mit ihren großen Füßen kann sie sogar kleine Fische fangen. Dafür muss sie ganz nah über der Wasseroberfläche fliegen.

… und Schmetterlingen aus der (natürlichen) Gefriertruhe

Wasservögel und -fledermäuse sind aber nicht die einzigen Tiere am Vilsalpsee. Wussten Sie zum Beispiel, dass es dort Zitronenfalter und Grasfrösche gibt, die im Winter komplett einfrieren, um im Frühling quicklebendig wieder aufzutauen? Was es damit auf sich hat, erzählt Caroline Winklmair im nächsten Artikel zum Vilsalpsee. Und wer jetzt noch einmal nachlesen möchte, wo genau sich die Laichgebiete der Frösche und das Brutgebiet der Enten befinden und wie man sich dort verhalten sollte, der klickt einfach hier.

Bilder:
Günther Eiden
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