Kirche St. Nikolaus

Die Schätze der Tannheimer Pfarrkirche

Mitten im Ort steht die Tannheimer Pfarrkirche. Lange Zeit war sie die einzige Kirche im Tannheimer Tal, heute ist sie die zweitgrößte Kirche in Tirol.

Besucher der Pfarrkirche von Tannheim verwandeln sich in Entdecker: Wer das beeindruckende Gotteshaus mitten im Ort betritt, nimmt zuerst den weiten, lichten Raum wahr. Dann die mächtigen Altäre. Dann die farbenfroh-luftigen Deckengemälde mit „Dem letzten Abendmahl“ und „Dem Jüngsten Gericht“. Dann die filigranen Stuckverzierungen, die kunstvoll geschnitzten Figuren und Bänke. Kaum, dass man sich versieht, ist eine halbe, dreiviertel Stunde verflogen. Dabei wächst das Gefühl, noch lange nicht alle Kostbarkeiten in diesem barocken Schatzkästlein bemerkt zu haben.

Früher Diözese Augsburg, heute Bistum Innsbruck

Da trifft es sich, dass die Kirche dem Heiligen Nikolaus geweiht ist. Er ist bekannt als jener gütige Mann, der die Menschen beschenkt. Heute weckt er damit die Vorfreude auf Weihnachten. Über Jahrhunderte hinweg war sein Fest am 6. Dezember der eigentliche Geschenketag zur Winterszeit. Seine allgemeine Beliebtheit hat ihm landauf, landab vielfältige Verehrung als Schutzpatron eingebracht. Seine Figur im Altarbild und in einem der bunten Glasfenster zeigen Hinweise auf seine vielen Zuständigkeiten. Umgeben ist er dort von einer schier endlosen Zahl weiterer Heiliger. Darunter finden sich die 14 Nothelfer, die angerufen wurden, um Not, Elend und Krankheit abzuwehren – sozusagen die spirituellen Vorfahren des heutigen Sozialsystems. Am Hauptaltar stehen ihm prominent die Heilige Afra und der Heilige Ulrich zur Seite. Das sind die Patrone der Diözese Augsburg. Dieser gehörte das Tannheimer Tal über Jahrhunderte hinweg an, bis es ins Bistum Innsbruck übersiedelte.

Stuck aus dem 18. Jahrhundert: Regionale Kunst in St. Nikolaus

Jeden Donnerstag um 16 Uhr gibt es eine Führung durch die Pfarrkirche. Es lohnt sich, dem Kirchenführer genau zuzuhören und einen Blick in die Bauchronik zu werfen. Sie vermerkt haarklein, was während der Bauzeit von 1720 bis 1724 geschah. Dort sind sie vermerkt, die vielen einheimischen Handwerker und Künstler, die ihrer Heimat dieses Gotteshaus errichtet haben: der Baumeister Andreas Hafenegger oder die Stuckateure Nikolaus und Sylvester Wöber, Georg Pflauder und Xaver Fisches. Gerade für ihr aufwendiges Handwerk finden sich sehenswerte Beispiele überall im Gebäude. Sie sind der sichtbare Beweis, warum mancher von ihnen in die Welt aufbrechen durfte, wo Tannheimer Stuckateurskunst gefragt und geschätzt war.

Pfarrkirche Tannheim: Lange die einzige Kirche im Tal

Was Besuchern der Pfarrkirche auffällt, je länger sie sich mit ihr vertraut machen, ist ihre Größe. Von außen wirkt sie – angesichts der ringsum hoch aufragenden Berge – gar nicht so mächtig. Tatsächlich aber befinden wir uns in der zweitgrößten Landkirche Tirols. Über zahlreiche Generationen hinweg war die Pfarrkirche St. Nikolaus die einzige Kirche im Tannheimer Tal. Sie diente allen Gemeinden zu Messfeiern und Andachten, zu Taufen, Erstkommunion, Hochzeiten und Requien. Mächtige Glocken verkünden mit ihrem Klang bis heute, welcher Anlass gegeben ist. Sie warnen sogar vor Unwettern. Es ist das einzige noch vollständig erhaltene Geläute aus den Gießerwerkstätten der berühmten Familie Löffler.

Wertvolle Kunst und ein Ort zur Einkehr

Als Baukosten für die Tannheimer Pfarrkirche stehen 28.000 „Gulden fl“ in den Büchern. „fl“ war die Abkürzung für „florentinisch“ oder „Florint“. Bankhäuser in Florenz setzen damals die Währungs-Maßstäbe. Umgerechnet auf heutige Kaufkraft entspricht das ungefähr 6,2 Millionen Euro. Ein günstiger Preis für eine so große Kirche, aber eine gewaltige Menge Geldes für eine arme Bergbauern-Region wie das Tannheimer Tal. Der wahre Wert ist ein Vielfaches höher. Nicht nur wegen der wertvollen Kunstwerke, darunter eine kostbare Weihnachtskrippe aus dem 17. Jahrhundert. Sondern weil sie für die Menschen im Tal ein gesegneter Ort ist – und auch für viele Gäste, die dort Einkehr und Stille finden, dem Klang der Orgel lauschen oder immer wieder aufs Neue eine Wanderung ihrer Sinne antreten.